Wenn wir stolz sein wollen auf Deutschland, müssen wir auch stolz sein auf Harro Schulze-Boysen (Hartmut Schulze-Boysen).

 
Gedenkstunde zur Erinnerung an Harro Schulze-Boysen
am 28. April 2001 in der Aula des Steinbart-Gymnasiums

(Festrede)
 
Schulze-B
Boysen-Denkmal von Winfried Kloer im Steinbart-Gymnasium


Historischer Rückblick – Harro Schulze-Boysen, 2.September 1909 - 22. Dezember 1942
Wir gedenken heute eines ehemaligen Steinbart-Schülers, eines Widerstandskämpfers, wir erinnern an Harro Schulze-Boysen, fast 60 Jahre nach seinem Tod. Um dieses ehrende Gedenken, diese späte Würdigung zu erklären, bedarf es des historischen Rückblicks.
Rückblick- worauf?
- auf sein Leben, seine Motive, seine Ziele und Visionen, sein Handeln, seinen frühen Tod; - auf den historischen Kontext dieses Lebens - und auf die Schulze-Boysen- "Rezeption": Wie wurde er gesehen: zu seinen Lebzeiten, nach dem Zweiten Weltkrieg- in der BRD und der DDR; und heute, d.h. nach dem Ende des Kalten Krieges und mit neuem Material, auch aus ehemals sowjetischen Beständen ?
Ich komme dieser Aufgabe mit gemischten Gefühlen nach:
- mit Schuldgefühlen wegen der Tatsache, dass wir so lange brauchten, um auch hier- in Duisburg und an unserer Schule- Harro Schulze-Boysen endlich angemessen zu würdigen - mit Genugtuung und Freude, da es nun so weit ist und weil diese Gedenkstunde in Anwesenheit so vieler Gäste und vor allem in Anwesenheit seines Bruders Hartmut stattfinden kann - und drittens mit Dankbarkeit. Dank an alle, die diese Gedenkstunde ermöglicht haben; Dank an den Kollegen Winfried Kloer, der das Denkmal schuf und damit einen - sichtbaren - Schlusspunkt unter eine lange Entwicklung setzt. Aber es wird damit kein Schlusspunkt unterdie notwendige Beschäftigung mit Harro Schulze-Boysen gesetzt sein! Dank vor allem an die Adresse unseres (nun pensionierten) Kollegen Manfred Tietz, der sich in den vergangenen Jahrzehnten unermüdlich für eine gerechtere Einschätzung und für eine angemessene Würdigung Harro Schulze- Boysens eingesetzt hat.

Der angesprochene Auszug aus der Schulgeschichte:
Ein weiterer Schüler dieses Abiturientenjahrgangs begegnet mehrfach in der politisch-historischen Literatur: Heinz-Hasso Schulze Boysen, der die obenerwähnte Festrede zu Hindenburgs 80. Geburtstag gehalten hat. Nach abgebrochenem juristischem Studium widmete sich Schulze-Boysen dem Jungdeutschen Orden. Zur Zeit des Hitlerreichs stand er im Lager der kommunistischen Opposition. Zusammen mit dem Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Arvid Harnack organisierte er als Oberleutnant im Luftfahrtministerium seit 1940 die Verschwörung der von Moskau aus gesteuerten sogenannten "Roten Kapelle". Diese sah ihre Hauptaufgabe darin, die russische Führung mit wichtigen militärischen Nachrichten zu versorgen "unter hemmungsloser Ausnutzung amtlich erworbener Spezialkenntnisse".1 Über den landesverräterischen Charakter dieser Organisation läßt Gerhard Ritter nicht den geringsten Zweifel. 1942 wurde das Komplott aufgedeckt. Der "in einwandfreier Form"2 durchgeführte Prozeß vor dem Reichskriegsgericht endete mit der Hinrichtung vieler Beteiligter, auch der Schulze-Boysens.


Freilich, es gab eine frühe Erwähnung, es gab eine frühe Beurteilung Schulze-Boysens als Widerstandskämpfer an dieser Schule, nämlich in der "Geschichte des Steinbart-Gymnasiums zu Duisburg. Festschrift zur Hundertfünfundzwanzigjahr-Feier 1956". Die dort zu lesenden Passagen kommen jedoch einer erneuten Aburteilung gleich. Damit entsprechen sie der damaligen herrschenden Meinung, dem damaligen Umgang mit Teilen des Widerstandes; das Klima des Kalten Krieges beeinflusste auch Historiker, sie selbst prägten es aber auch mit.
In den Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahren traf man dann hier am Steinbart- Gymnasium immer wieder auf vereinzelte Bemühungen, Schulze-Boysen einem größeren Publikum bekannt zu machen und zu einer Neubewertung zu kommen. Etwa durch Ausstellungen mit Text- und Bildmaterial, durch Veröffentlichungen in der Schulzeitung und auch im Kunst- und Geschichtsunterricht einzelner Kollegen.
All dies wurde zwar "mit Interesse" zur Kenntnis genommen, bewirkte aber kein generelles Umdenken. Das geschah erst in den Neunziger Jahren. Jedenfalls wurde er hier an der Schule nicht vergessen und auch nicht "totgeschwiegen."
Nach 1945, zur Zeit des Kalten Krieges, gab es drei Hauptgründe für die Fehleinschätzung der Ziele und Aktivitäten Schulze-Boysens und der mit ihm verbundenen Menschen:
Erstens im Westen die Übernahme der Beurteilung aus der NS-Zeit, einer Einschätzung, welche maßgeblich durch die Gestapo und durch den Hauptankläger Roeder geprägt worden war, abgesegnet nach dem Krieg durch angesehene Historiker, z.B. durch Gerhard Ritter. Dieser Ritterschen Sicht folgt auch die Darstellung in der von mir erwähnten Festschrift (Schulgeschichte).
Zweitens die Vereinnahmung, die Instrumentalisierung der Harnack-Schulze- Boysen-Gruppen durch die DDR und ihre Geschichtsschreibung: dort erscheinen sie als straff organisierte, moskautreue Kadergruppen, als "Vorarbeiter" für den "ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden". Es mag sein, dass einzelne überlebende Mitglieder der damaligen Schulze-Boysen-Harnack-Gruppen sich diese "Würdigung" durch die DDR ohne zu widersprechen gefallen ließen; im Westen wurden sie ja totgeschwiegen oder dämonisiert.
Und drittens die Rivalitäten zwischen den Überlebenden der verschiedenen Widerstandskreise und -gruppen um den Titel der "wahren" Widerständler: Für die einen gebührt dieser Titel den Männern und Frauen des"20. Juli", für die anderen z.B. dem "Arbeiterwiderstand". Schulze-Boysen und seine Mitstreiter wurden ausgegrenzt.
Unter allen drei von mir soeben genannten Aspekten wird Harro Schulze- Boysen einseitig gesehen, wird er fehlinterpretiert und genutzt für jeweils eigene Argumentationen und Zwecke.
 Erst nach dem Abtragen der festgefahrenen Beurteilungen, nach dem kritischen Hinterfragen lange geglaubter "Tatsachen" und Urteile, nach erneutem Sichten alten Materials und nach Zurkenntnisnahme neuer Quellen- nicht nur bedingt durch den Zusammenbruch der DDR und der übrigen kommunistischen Ostblockstaaten- sondern auch durch einen Generationswechsel in der Historikerzunft-erst da kam ein gerechteres Bild zustande, das der Vielschichtigkeit, der undogmatischen Offenheit und den wahren Zielen und Taten Schulze-Boysens angemessen ist.
Auch schon vorher gab es einige wenige Stimmen, die eine objektivere Sicht anboten und die Ausgrenzung aus dem Kreis der zu würdigenden Widerständler kritisierten: Ich meine Karl Barth, Margret Boveri, Peter Weiss und Hans Rothfels. Ihre Stimmen wurden, im Klima des Kalten Krieges, nicht gehört.
Einen ganz entscheidenden Beitrag zur Würdigung Schulze-Boysens und anderer leistete die Widerstandsforschung durch einen Perspektive-Wechsel:
Es galt und gilt die verschiedenen Arten non-konformen Verhaltens und des Widerstandes während der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur von ihrem Ende, von ihren Ergebnissen bzw. ihrem Scheitern her anzugehen, sondern vor allem von ihren Anfängen und Motiven her.
Diese neue Betrachtungsweise führte auch zu einer Neubewertung des Widerstandes der Gruppen um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen.
An dieser Stelle möchte ich eines anmerken: Harro Schulze-Boysens Leistungen anzuerkennen, ihn und seinen Widerstand angemessen zu würdigen, bedeutet nun wiederum nicht, andere Widerständler und andere Formen des Widerstandes, der Opposition herabzuwürdigen.
Spätestens im Nachhinein, d.h. seit 1945, gilt es- so meine ich-ein für allemal festzustellen und festzuhalten: Objektiv gesehen hat die Opposition gegen Hitler von Anfang an recht gehabt. Das NS-Regime war von Anfang an das Gegenteil eines Rechtsstaates, ja es war von Anfang an freiheitsbedrohend und verbrecherisch gegenüber dem eigenen und dann auch gegenüber anderen Völkern und es zielte auf Krieg ab, auf einen Eroberungskrieg. Die Quellenlage, die Aussagen der Quellen sind eindeutig. Leider war es nur eine Minderheit, die dies früh erkannte und danach handelte, so auch Schulze-Boysen und seine Freunde. Vielleicht erklärt ja die Existenz einer solchen klarsichtigen oppositionellen Minderheit das Verhalten derjenigen nach 1945, die während des Dritten Reiches Täter, Mittäter, Mitläufer, Verstrickte, Ahnungslose, Wegschauende, Gutgläubige ........ waren; ich meine das Verhalten der damaligen Mehrheit. Ich denke an das fast pathologische Festhalten an Rechtfertigungen für ihre damalige falsche Entscheidung; ich denke an das hartleibige Verteufeln von Oppositionellen, Emigranten, Widerstandskämpfern z.B. als "Drückeberger",
"Vaterlandsverräter", "Querulanten", "Träumer", "Intellektuelle Nörgler" oder "Salonkommunisten".
Im Grunde schämte man sich seines eigenen Verhaltens, seines Irrtums; konnte und wollte diese Scham aber nicht eingestehen. Die Existenz einer mutigen Opposition gegen die NS-Diktatur war ein ständiger "Stachel im eigenen Fleisch". Also hieß es, diese zu verschweigen oder zu verunglimpfen.
Richard von Weizsäcker sagte 1985 in seiner vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa: "Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen." Auf Harro Schulze-Boysen übertragen heißt das: Wir dürfen den 22. Dezember 1942- den Tag seines Todes, seiner Hinrichtung- nicht vom 30. Januar 1933 trennen und diesen Tag der sogenannten "Machtergreifung" wiederum nicht von der vorangehenden Weimarer Republik und dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Endphase der Wilhelminischen Zeit; Zeiten, die Harro Schulze-Boysen als Kind bzw. als Heranwachsender, als junger Mann erlebte und durch die er geprägt wurde.
Die Prägung durch die "Umwelt", durch das historische Umfeld, die "Zeitumstände" könnte man als Banalität, als Selbstverständlichkeit bezeichnen und beiseite lassen. Ich möchte jedoch auf eine Ungerechtigkeit hinweisen: Jahre-, jahrzehntelang hat das Argument der "Prägung durch die Zeitumstände" Konjunktur gehabt in der BRD und zwar zur Entlastung und Entschuldigung der "Täter", "Mitläufer" usw. während der NS-Zeit, gleichzeitig wollte man ähnliche Argumente von der Seite der Opfer nicht hören oder ließ sie nicht gelten; von Menschen, die Opfer wurden, weil sie schon früh die Unhaltbarkeit der NS-Ideologie und den freiheits- und lebensbedrohenden Charakter des NS-Regimes erkannt hatten, sich ihm entzogen oder dieses Regime bekämpften. Dass sie so handelten, liegt eben zum großen Teil in ihrer "Prägung durch die Zeitumstände" begründet.
Und selbstverständlich haben sie ein Recht , damit zu argumentieren und gehört zu werden. Und unsere Pflicht ist es, die Kraft dieser Argumentationsweise den Toten, den Ermordeten, die sich nicht mehr rechtfertigen und erklären können, zukommen zu lassen.
Harro Schulze – erst später nannte er sich Schulze-Boysen – wurde am 2. September 1909 in Kiel geboren. Das Datum dieses Geburtstages, dieser "2. September", passte zu der national und kaisertreu eingestellten Familie: Am 2. September war "Sedanstag", ein nationaler Feiertag im Kaiserreich; er erinnerte an die entscheidende Schlacht im deutsch-französischen Krieg von 1870/71: an einen großen Sieg der preußisch-deutschen Truppen verbunden mit der Gefangennahme des französischen Kaisers, Napoléons III. Harros Vater war Offizier der kaiserlichen Marine, sein Großonkel war Großadmiral Alfred von Tirpitz, der Kaiser Wilhelm II. sehr nahestand. Preußische Werte galten viel in der Familie und prägten auch Harro; preußische Werte im guten Sinne: Sparsamkeit,Verantwortungsbewußtsein,Pflichterfüllung,Vaterlandsliebe, Streben nach Bildung, notfalls auch Härte gegen sich selbst, aber auch Toleranz und Weltoffenheit. Die Familie lebte inzwischen in Berlin. Der Zusammenbruch des Kaiserreiches und der alten Ordnung sowie die Härte des Versailler Vertrags bewirkten eine tiefe Erschütterung. Bei Harro rief diese aber nicht den Wunsch nach der Wiederherstellung der alten Ordnung hervor, sondern er begriff ihn zunehmend als Chance zu einem Neuanfang.
Damit passte er gut in das historische Umfeld, war doch die Nachkriegszeit, die Zeit der Weimarer Republik, eine Epoche großer Umbrüche, geistiger Regsamkeit, ja Erregung; eine Zeit des Suchens und großer Visionen und Experimente sowie revolutionärer Bereitschaft. Im Bereich der Politik, aber auch im Bereich der Gesellschaft, Wirtschaft und Kunst. Verschiedene Modelle, einen Staat, eine Wirtschaft, eine Gesellschaft zu organisieren, stritten um Anerkennung. Es gab sogar schon die Vision einer "europäischen Union", eines "Paneuropa"! Kurz: Eine hochinteressante Epoche! Für viele aber auch eine Zeit der Not (Kriegsfolgen, Inflation, Arbeitslosigkeit). Gerade für einen jungen Menschen wie Harro, auf der Suche nach einem eigenen Weg, einem eigenen Standpunkt, war dies eine Zeit voller Anregungen, Herausforderungen, geistiger Abenteuer und Verlockungen. Mit der alten, der "bürgerlichen", der kapitalistischen Welt jedenfalls schien es vorbei zu sein; die war- nach der Meinung vieler- auf den Schlachtfeldern, in den Schützengräben zerstört worden, zumindest der Glaube an sie. Viele erkannten das Problem und die Notwendigkeit, das "Volk", die "Volksmassen" neu einzubinden in den Staat und die Gesellschaft. Das Volk, das ja im Krieg die größten Opfer gebracht, den größten "Blutzoll" entrichtet hatte. Es schien zwei große Alternativen zu geben: das "Amerikanische System": ungehemmter Kapitalismus, aber mit Massenproduktion, Massenkonsum und Massenunterhaltung und mit möglichst uneingeschränkter Freiheit des Individuums und das sowjetische Modell mit Abschaffung des Kapitalismus, mit sozialistischer Planwirtschaft und der " Befreiung der Massen aus der Klassengesellschaft" und der allmählichen Hebung des "Volkswohlstandes", unter der Führung einer Partei. Daneben trat sehr bald ein "dritter Weg" ins Gesichtsfeld: Eine Bewegung, die behauptete, zwei alte Strömungen - Nationalismus und Sozialismus- miteinander zu versöhnen: der italienische Faschismus und später der deutsche Nationalsozialismus, die beide "Sozialismus" versprachen, dann aber - wie sich bald herausstellte- doch lieber mit den "Kapitalisten" und den alten Eliten zusammenarbeiteten; der "Sozialismus" wurde umgedeutet zur "Volks-" und zur "Kampfgemeinschaft". Da man in Deutschland im rechten wie im linken Lager einen enormen Zorn auf die Hauptsiegermächte des Ersten Weltkrieges hegte, auf Großbritannien, Frankreich und die USA, die den Deutschen den "Schandfrieden von Versailles" diktiert hatten und da man- vor allem in intellektuellen Kreisen- ein großes Misstrauen gegen den "American Way of Life" pflegte, suchte man dort – im Westen- nicht nach Leitbildern. Die neugierigen Blicke derjenigen, die immun blieben gegenüber dem Faschismus und Nationalsozialismus, richteten sich vielmehr auf die junge Sowjetunion. Dort baute man eine ganz neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf, und das Land befand sich - nach Beendigung des Bürgerkrieges- in einem beachtlichen Aufschwung. Die sowjetische Propaganda tat ein übriges, ein sehr positives Bild zu vermitteln. Als dann in den "kapitalistischen" Ländern die Weltwirtschaftskrise einsetzte, mit Zusammenbrüchen von Banken und Firmen, mit Massenarbeitslosigkeit und Massenelend, sahen sich viele in ihrer Auffassung vom "Untergang des Kapitalismus" bestätigt. Wege aus der Krise schien das andere System, der "Sozialismus" zu bieten, der damals nur in einem Land der Erde, in der SU, praktiziert wurde. Das Interesse an der SU stieg, Berührungsängste wurden abgebaut, man hatte schon Kontakte zur SU oder suchte sie, aus den unterschiedlichsten Motiven: Die deutsche Reichswehr übte in der SU an -laut Versailler Vertrag verbotenen- schweren Waffen; die deutsche Industrie erhoffte sich Aufträge und testete PKWs, LKWs und Motorschlitten in Langstreckenfahrten auf russischen Straßen. Avantgardistisches russisches Theater wurde in deutschen Städten bestaunt. Sogar amerikanische Bürger, arbeitslos, machten sich per Schiff auf den Weg in das "gelobte Land".
Wissenschaftler studierten das System der sowjetischen Planwirtschaft, so z.B. Arvid Harnack, ein späterer Verbündeter Harro Schulze-Boysens.
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1922 fand der zwangsweise ins Zivilleben entlassene Vater eine Anstellung bei der DEMAG in Duisburg. Die Familie (Vater Erich Edgar, Mutter Marie-Louise, geb. Boysen, Sohn Harro, Schwester Helga und Bruder Hartmut) bezog eine Werkswohnung in der Karl-Lehr-Straße. Nach Kiel und Berlin war die Umstellung auf Duisburg ein Schock: Vom Lärm, der schlechten Luft, der Kulisse der Industriestadt erholte sich Harro bei verschiedenen Aufenthalten in Schweden.
Von 1922 bis 1928 ging Harro auf das Städtische Realgymnasium, das spätere Steinbart-Gymnasium. Ein guter Schüler war er zunächst nicht, entwickelte sich aber in der Oberstufe positiv und bestand 1928 das Abitur als einer der Jahrgangsbesten. Er war sehr früh politisch interessiert und engagiert, was ihn auffallen ließ unter seinen Mitschülern und ihn - laut Auskunft befragter Ehemaliger vom Steinbart-Gymnasium- in eine Außenseiterrolle brachte. Dennoch war er mehrfach Klassensprecher und hielt die Abschlussrede seines Abiturjahrganges.
Als Beispiele seines politischen Engagements seien genannt:
die aktive Teilnahme (1923) am "Ruhrkampf" gegen die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets und die Mitgliedschaft im "Jungdeutschen Orden", einer Mischung aus bürgerlicher Jugendbewegung und aus der Nachkriegs- Freikorps-Bewegung. Als politisches Bekenntnis kann auch die begeisterte Festrede gesehen werden, die er als Primaner 1927 im Steinbart-Gymnasium hielt: eine Festrede auf den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, den "greisen Sieger von Tannenberg", anlässlich seines 80. Geburtstags. In Hindenburg sahen damals bürgerlich-nationale Kreise, auch viele Jugendliche, die Nation und das Vaterland verkörpert und signalisierten mit ihrer Hindenburg- Verehrung Kritik, ja Ablehnung an die Adresse der ersten deutschen Republik, der "Republik von Weimar". Teilnahme am "Ruhrkampf", Mitgliedschaft und Aktivitäten im JDO, Verehrung Hindenburgs lassen Harro damals als national orientierten, wenn man will "rechten" jungen Menschen erscheinen, aber nicht im Sinne des bürgerlich- konservativen Lagers, wo man von einer Neuauflage der Monarchie träumte. Hinzukam bei Harro ein kluges Gespür für die Bedeutung des "Volkes", der "Volksmassen", die es zu integrieren, zu beteiligen galt. Harro und viele seiner Mitstreiter im JDO misstrauten allen politischen Parteien, lehnten sie mehr oder weniger ab. Es galt Klassen- und Parteiengegensätze zu überwinden. Man suchte nach neuen Wegen und Organisationsformen und strebte nach einer Veränderung der Gesellschaft, nach neuen Lebensstilen und Umgangsformen, in Abgrenzung zu den "bürgerlichen" Lebensformen.
Nach dem Abitur am Steinbart-Gymnasium(1928) studierte Harro Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg und dann in Berlin. Berlin, in den Zwanziger Jahren neben oder gar vor Paris inoffiziell "Kulturhauptstadt" Europas, aber auch Schauplatz heftiger politischer Auseinandersetzungen, faszinierte Harro, hier fühlte er sich wohl. Er mischte sich ein, wollte etwas bewirken, mit geistigen Waffen. Bald vernachlässigte er das Studium und ließ sich 1931 offiziell beurlauben. Er war zunächst Redakteur, später Chefredakteur und dann Herausgeber der Zeitschrift "Gegner" und er wurde der führende Kopf des "Gegner-" Gesprächskreises. Dort beschäftigte man sich kritisch mit dem NS und suchte nach Alternativen zur bestehenden Parteienlandschaft, zur bestehenden Gesellschaftsordnung. Im Gesprächskreis waren alle politischen Richtungen willkommen, Offenheit und Toleranz erwünscht. 1930 und 1932 errang die NSDAP bei den Reichstagswahlen sensationelle Erfolge; 1932 kandidierte Hitler für das Amt des Reichspräsidenten, weil ihn die Machtfülle dieses Amtes interessierte. Nur mit Mühe konnte Hindenburg gegen ihn gewinnen. Die Gefahr, die von Seiten der NSDAP drohte, wurde immer offenkundiger. Die KPD als Alternative (Thälmann) lehnte Schulze-Boysen ab, da sie ihm zu dogmatisch und moskauhörig erschien. Dennoch war erkennbar, dass sich Schulze-Boysen in dieser Zeit – Weltwirtschaftskrise, Gefahr einer faschistischen Diktatur- nach "links" entwickelte, ohne seine nationale Einstellung aufzugeben. Viele rechneten und rechnen ihn daher der Bewegung des "Nationalbolschewismus"(Ernst Niekisch) zu oder sprachen von "linken Leuten von rechts". Sein Interesse galt überwiegend Menschen, die am Rande der festgefahrenen politisch-ideologischen Gruppierungen angesiedelt waren, und von diesen wurde er auch so wahrgenommen.
Nach dem 30. Januar 1933 und spätestens nach der sogenannten "Reichstagsbrandverordnung" vom 28.2. und dem "Ermächtigungsgesetz" vom 24.3. 1933 kam in Deutschland das Ende vieler Freiheiten, so auch das Ende der Pressefreiheit. Es war nur eine Frage der Zeit, dass eine oppositionelle Zeitschrift wie der "Gegner" ins Visier der Obrigkeit und ihrer Büttel geriet: Ende April 1933 wurden die Redaktionsräume des "Gegners" durchsucht, die anwesenden Mitarbeiter abgeführt. Man brachte sie nicht in ein ordentliches Gefängnis, sondern in ein improvisiertes, "wildes" Lager der SA. Dort wurden sie misshandelt, auch Schulze-Boysen; ein Freund wurde zu Tode geprügelt. Diese wahrlich "persönliche" Begegnung mit dem NS-Regime bestärkte ihn in seiner ablehnenden Haltung; bei ihm wuchs aber auch die Erkenntnis von der Gefährlichkeit des Feindes. Er zeigte großes Mitgefühl für verfolgte KPD- und SPD-Mitglieder und bot seine Hilfe an, sich ins Ausland zu retten oder unterzutauchen. Denn man darf nicht vergessen: Die ersten Opfer der regierenden Nazis waren deutsche Kommunisten, deutsche Sozialdemokraten, deutsche Gewerkschafter. Aus der Haft befreit wurde er durch die Mithilfe seiner damaligen Freundin und vor allem durch den persönlichen Einsatz der Mutter und durch die guten Beziehungen seines Vaters zu ehemaligen Marinekameraden. Wohl ebenfalls durch die guten Beziehungen seiner Eltern kam er 1933 zu einem Fliegerlehrgang nach Warnemünde. Dort erhielt er eine Ausbildung zum Seebeobachter. In der Folgezeit fuhr er eine Doppelstrategie: äußerlich gab er sich loyal; innerlich und im Umgang mit Gleichgesinnten war er nach wie vor Gegner des NS- Regimes. Als Unteroffizier, später als Offizier, fand er eine Anstellung irn Reichsluftfahrtministerium in Berlin, unter Hermann Göring, Abteilung: "Fremde Luftmächte". Hier kamen ihm seine Fremdsprachenkenntnisse zugute und er hatte Zugang zu ausländischen Presseerzeugnissen und zu internen Informationen des Ministeriums. 1936 heiratete er die lebensfrohe, intelligente und - so wird berichtet -sehr attraktive Libertas Haas-Heye. Diese war anfangs noch NSDAP-Mitglied, trat aber 1937 aus der Partei aus und wurde eine selbständige Streiterin für die gemeinsame Sache bzw. gegen den gemeinsamen Feind. Libertas wurde später am selben Tage wie ihr Mann hingerichtet: Sie wurde guillotiniert, er erhängt. Nach ihrer Heirat und dem Umzug in eine geräumige Wohnung entwickelten sich Harro und Libertas Schulze-Boysen zum Mittelpunkt eines oppositionellen Berliner Freundes- und Diskussionskreises. Man suchte nach Wegen aus der NS- Herrschaft und nach Möglichkeiten der Neugestaltung Deutschlands ohne Nationalsozialisten. Aber es wurde nicht nur gearbeitet und diskutiert: man musizierte, las aus Büchern vor , machte Ausflüge und feierte Feste. Es fehlte auch nicht an Kontakten zu anderen Gruppen ähnlicher Gesinnung.
Bei den Treffen im Hause Schulze-Boysen traf man Leute ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft und mit unterschiedlichen Berufen und politischen Zielen an. Es scheint eine besondere Gabe Harro Schulze-Boysens gewesen zu sein, Gräben zu überwinden, Brücken zu bauen. Man redete nicht nur, sondern half auch Verfolgten unterzutauchen oder zu emigrieren, verfasste Flugschriften, Flugblätter und Klebezettel; suchte Kontakte zu Gleichgesinnten in ganz Deutschland.
1938 machte eine erste Flugblattaktion den Spanischen Bürgerkrieg zum Thema und im Oktober desselben Jahres - nach der Angliederung des Sudetenlandes- bezeichnete ein Flugblatt diesen "Erfolg" Hitlers als weiteren Schritt auf dem Wege zu einem neuen Krieg, während der britische Premierminister Chamberlain nach seiner Rückkehr von der Münchener Konferenz, auf der man das Sudetenland dem Deutschen Reich zugesprochen hatte, noch von "Peace for our Time" schwärmte.
Im Kriegbeginn, ausgelöst durch den deutschen Überfall auf Polen am 1.9.1939, sah Schulze-Boysen den Anfang eines Weltkrieges. Das war für ihn eine Katastrophe, aber zugleich die Hoffnung auf eine baldige Beseitigung der NS-Herrschaft, denn diesen Krieg konnte Hitler nicht gewinnen. Danach, so Schulze-Boysen, bestünde die Chance zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Neuanfang. Die Niederlagen der Westmächte in Norwegen und Frankreich im Jahre 1940 bestärkten Schulze-Boysens Glauben an den baldigen Zusammenbruch, zumindest an eine entscheidende Schwächung, des kapitalistischen Systems in Europa. Nach diesen Niederlagen Frankreichs und Großbritanniens schien eine Niederschlagung des NS-Regimes nur mit Hilfe der Sowjetunion möglich zu sein, die aber damals noch durch den "Hitler-Stalin-Pakt" (vom August 1939) mit Hitler-Deutschland "befreundet" war. In seiner positiven Haltung gegenüber der SU wurde Schulze-Boysen durch Kontakte mit Arvid Harnack (Regierungsrat im Reichswirtschaftsministerium) und dessen Freundeskreis bestärkt. Harnack hatte Kontakte zur sowjetischen Botschaft in Berlin ,mit Alexander Korotkow. Harnack wie Schulze-Boysen glaubten, die SU durch Kontakte, Gespräche, Informationen dafür gewinnen zu können, sich nach dem Krieg für ein unabhängiges Deutschland einzusetzen, damit man nicht wieder- wie nach dem Ersten Weltkrieg- einen einseitig vom Westen diktierten Friedensvertrag akzeptieren müsste. Beide wollten die nationale Souveränität Deutschlands bewahren; sie lehnten jede Gängelung durch Moskau ab. Ab Januar 1941 arbeitete Harro Schulze-Boysen im Hauptquartier der Luftwaffe, nahe Potsdam. Das machte ihn für die sowjetische Seite noch interessanter. Am 27.März 1941 kam es zu einem ersten Kontakt zwischen Schulze-Boysen und Korotkow; ein Kontakt, den wohl Harnack vermittelt hatte. Korotkow berichtete über dieses Gespräch per Funk nach Moskau. In Berliner und Münchener Widerstandskreisen kursierte im Frühjahr 1941 eine Schrift Schulze-Boysens über Napoleon: Sie stellte Verbindungen her zwischen der napoleonischen Eroberungspolitik und Hitlers Plänen für einen Überfall auf die SU. Das Scheitern Napoleons in und an Russland stand damals auch vielen anderen Offizieren, die mit der Vorbereitung des Russlandfeldzuges befasst waren, vor Augen. Nach Beginn des Überfalls auf die SU (22.6.1941), vor dem Harnack und Schulze-Boysen , aber auch andere, die sowjetische Seite vergeblich gewarnt hatten, sprach dieser von einer "Zeitenwende": Für ihn und andere Hitlergegner war der Krieg im Osten der Anfang vom Ende der NS-Diktatur. Ein für die Kriegszeit geplanter Funkverkehr zwischen Berlin und Moskau kam nicht zustande. Daher erhielt Ende August der im besetzten Belgien (in Brüssel) tätige Sowjetagent "Kent" aus Moskau den Auftrag, sich zur Behebung der Schwierigkeiten bei der Nachrichtenübermittlung nach Berlin zu begeben. In dem verschlüsselten Funkspruch aus Moskau waren Adressen und Telefonnummern angegeben, u.a. die Schulze-Boysens. Das sollte der Gruppe später zum Verhängnis werden! Es kam dann zwar zu dem geplanten Treffen zwischen Schulze-Boysen und "Kent"; der Funkverkehr kam aber nicht in Gang. Die spätere Behauptung eines "regen Funkverkehrs" zwischen Berlin und Moskau oder mit sowjetischen Agenten in Paris oder Brüssel gehört also in den Bereich der Legende. Anstatt sich immer konspirativer zu verhalten, erweiterte sich der Kreis von Gleichgesinnten und Freunden um Harro Schulze-Boysen und Libertas ständig. Arvid Harnack soll SB einmal als "Sicherheitsrisiko" bezeichnet haben.
Anfang Dezember 1941: Vor Moskau beginnt die sowjetische Gegenoffensive. Das Unternehmen "Barbarossa" ist gescheitert, nicht erst nach Stalingrad. Zum ersten Male erleidet Hitler-Deutschland eine militärische Niederlage. Am 11. Dezember 1941 erklärt die deutsche Regierung den USA den Krieg. Schulze- Boysen fühlt sich in seiner Einschätzung über den Kriegsverlauf bestätigt: Weltkrieg; zu befürchtende totale Niederlage Deutschlands. Mitte Dezember 1941: In Brüssel wird die Funkstelle des Sowjetagenten "Kent" ausgehoben. Von nun an arbeitet die deutsche Funk- und Spionageabwehr an der Entschlüsselung des Codes, um die aufgefangenen Funksprüche aus und nach Moskau lesen zu können. In Brüssel und Paris vermutet man die Zentren der sowjetischen Agententätigkeit. Im Frühjahr 1942 bilden deutsche Abwehr und Gestapo im besetzten Belgien eine Fahndungskommission mit der Bezeichnung "Rote Kapelle". In der Sprache der Abwehr heißen die einzelnen -versteckt arbeitenden - Funker- "Pianisten"; mehrere "Pianisten" bilden eine "Kapelle" ("un orchestre"), und da die Abwehr davon ausgeht, dass diese verschiedenen Funkstellen mit Moskau in Verbindung stehen, nennt man das Ganze "Rote Kapelle" ("l’orchestre rouge"). Unterdessen wird vom Schulze-Boysen-Kreis eine Flugschrift verfasst und verbreitet mit dem Titel: "Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk". Dort heißt es z. B.: "Wer die Zukunft des deutschen Volkes weiterhin mit dem Geschick Hitlers gleichsetzt, begeht ein Verbrechen." Die Notwendigkeit eines Bündnisses mit der Sowjetunion wird betont, eine einseitige Beendigung des Krieges im Westen wird als Illusion bezeichnet. Aktiver und passiver Widerstand auf breitester Front seien unumgänglich. Libertas Schulze-Boysen sammelt an ihrer Arbeitsstelle Fotos und anderes Material über Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung im Osten. Auch diese erschreckenden Erkenntnisse finden Eingang in eine Flugschrift. Auf eine antisowjetische Propagandaausstellung des NS-Regimes antwortet der Schulze-Boysen-Freundeskreis mit einer nächtlichen Zettelklebeaktion in verschiedenen Berliner Stadtteilen. Als die Berliner am Morgen zur Arbeit gehen, können sie lesen: "Ständige Ausstellung. Das Nazi-Paradies. Krieg, Hunger, Lüge, Gestapo. Wie lange noch ?" Im selben Jahr kommt es auch zu Kontakten mit Leuten aus dem Kreisauer Kreis, die zwei Jahre später am Staatsstreichsversuch des 20. Juli (1944) beteiligt sein werden. Diese Kontakte konnten nicht mehr vertieft werden. Inzwischen zieht sich die Schlinge um Schulze-Boysen zu: Im Juni 1942 verhaftet das Sonderkommando "Rote Kapelle" in Brüssel den Funker Johann Wenzel. Nach wiederholter schwerer Folter gibt er Anfang August die entscheidenden technischen Informationen preis: Die deutsche Funkabwehr kann jetzt die aufgefangenen Funksprüche entschlüsseln, erfährt somit Namen, Adressen und Telefonnummern von Regimegegnern, auch die von Schulze-Boysen. Die Gestapo beginnt, Schulze-Boysen zu beobachten.
Am Montag, den 31.8.1942, wird Schulze-Boysen ins Luftfahrtministerium gebeten; im Foyer wird er verhaftet. Er kommt sofort in das nahe Gefängnis der Gestapozentrale.
Am 7.9. werden Arvid Harnack und seine Frau Mildred festgenommen, am 8.9. Libertas Schulze-Boysen. Weitere Verhaftungen von über 120 Personen folgen. Die NS-Führung, allen voran Hitler, empfindet den Fall als besonders peinlich und gefährlich, weil diese Widerstandsgruppe so vielschichtig und vielseitig und damit nicht eindeutig zuzuordnen ist. Man erklärt den Fall daher zur "Geheimen Reichssache". Als Harros Vater seinen Sohn am 30. September in der Haft besuchen darf, erklärt dieser ihm, jede Hilfe sei zwecklos; er sei entschlossen, die Folgen seines Handelns auf sich zu nehmen.
Anfang November 1942: Der "Fall Schulze-Boysen" wird dem Kriegsgerichtsrat Manfred Roeder beim Reichskriegsgericht übergeben; er vertritt die Anklage. Mitte November erhält Roeder den Abschlußbericht der Gestapo. Der für die NS-Führung angefertigte Bericht über die "Rote Kapelle" vermittelt das Bild eines zentral geführten, eng miteinander verflochtenen und hocheffizient arbeitenden sowjetischen Agentennetzes in Westeuropa. Die Berliner Freundschafts- und Widerstandskreise werden kurzerhand diesem Netz zugeordnet, als Berliner Ableger, als Zweigstelle. Roeder stellt keine eigenen Recherchen mehr an; er übernimmt die von der Gestapo vorgelegte Darstellung und spitzt sie noch zu, um die schwer einzuordnende Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe dem Feindbild "einer allgegenwärtigen, von Moskau gesteuerten kommunistischen Verschwörung" zuordnen zu können.
Am 15. Dezember 1942 beginnt der Prozess, gegen Schulze-Boysen und elf weitere Hauptangeklagte wegen "Hochverrats u.a.".
19. Dezember 1942: Schulze-Boysen wird wegen "Vorbereitung zum Hochverrat, Kriegsverrats, Zersetzung der Wehrkraft und Spionage zum Tode, zum Verlust der Wehrwürdigkeit und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte" verurteilt. Alle anderen Angeklagten ebenfalls zum Tode.
Bei einem zunächst milderen Urteil gegen zwei Frauen des Kreises sorgt Hitler persönlich dafür; daß ein erneutes Verfahren gegen sie ebenfalls die Todesstrafe ausspricht.
Für Schulze-Boysen und drei weitere Verurteilte ordnet Hitler persönlich die Vollstreckung des Urteils durch Erhängen an; er wünscht einen besonders "schimpflichen" Tod. Schon vor Prozeßbeginn war im Hinrichtungsschuppen in Berlin-Plötzensee für das Erhängen ein Eisenträger eingezogen worden. An diesem befinden sich die berüchtigten "Fleischerhaken". Sie sollen die Arbeit der Henker"erleichtern" und beschleunigen.
Am 22. Dezember 1942 –zwei Tage vor Heiligabend- finden die Hinrichtungen der Verurteilten statt: durch Erhängen oder Enthaupten. Harro Schulze-Boysen ist zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt. Es folgen weitere Verfahren gegen den Schulze-Boysen-Harnack-Kreis im Jahre 1943.
Harro Schulze-Boysen und die "Rote Kapelle"
Um noch einmal einen wichtigen Aspekt zu verdeutlichen: Es geht um das Verhältnis Schulze-Boysens zur Sowjetunion und zur sogenannten "Roten Kapelle".
Sicherlich war seine Einschätzung der SU spätestens seit dem Ende der Dreißiger Jahre naiv und blauäugig; er hat das aggressive, imperialistische, ja menschenverachtende Potential des stalinistischen Regimes unterschätzt. Aber er wollte ja nicht ein bolschewistisches, stalinistisches, sondern ein freies, souveränes Deutschland- vor allem frei erst einmal von der Diktatur des Nationalsozialismus. Und dies schien nur mit Hilfe von außen, d.h. auch mit Hilfe der SU, zu erlangen zu sein.
Die wenigen- auch militärischen- Informationen, die man an die SU gab; die Kontakte, die man herstellte, sollten die SU vor dem Überfall Hitlers warnen und "von der Ernsthaftigkeit der deutschen Angriffsvorbereitungen überzeugen", vor allem aber die SU- als eine der großen Siegermächte- geneigt und bereit machen,sich bei Friedensverhandlungen gegenüber den Westmächten für ein souveränes Deutschland einzusetzen, um ein neues- einseitig vom " Westen" formuliertes- "Versailler Diktat" zu verhindern.
Man dachte an eine Mittlerrolle Deutschlands zwischen Ost- und Westeuropa, nach dem Kriege. Der Harnack-Schulze-Boysen-Kreis hatte auch Kontakte zu den Westmächten. Auch andere Widerstandsgruppen gaben Informationen an die "Feindmächte" auch sie wollten den Krieg verhindern bzw. bald beenden.
Die Bezeichnung "Rote Kapelle" oder "Berliner Ableger der Roten Kapelle" stammt von den Verfolgern; Schulze-Boysen.Harnack und ihre Freunde haben sich nicht als solche verstanden. Man muss vielmehr die Schulze-Boysen-Harnack-Gruppen in Berlin von der "Roten Kapelle" trennen, selbst wenn es punktuelle Berührungen und gelegentliche Interessenidentitäten gab. Eines der wichtigsten neueren Forschungsergebnisse ist die Feststellung der Eigenständigkeit der Berliner Gruppen.
Die sogenannte " Berliner Rote Kapelle" war " weder die straff organisierte kommunistische Kadergruppe, die Moskaus Befehle ausführte, noch die landesverräterische Spionageorganisation im Dienst des Feindes"; man verstand sich vielmehr als gleichberechtigter Gesprächspartner, der selbst entschied, was, wem und wann er etwas mitteilte, um – im Interesse Deutschlands- eine Vertrauensbasis herzustellen für eine- gleichberechtigte- Zusammenarbeit, während des Krieges und nach dem Krieg.
Das war wohl eine Überschätzung der eigenen Möglichkeiten und eine Fehleinschätzung der Zielsetzungen des "Partners" in Moskau.
Eines scheint mir sicher: Hätte Schulze-Boysen die NS-Zeit überlebt, er hätte ein Leben unter Ulbricht oder Honecker oder gar unter Stalin nicht ausgehalten; dazu war er viel zu intelligent, zu freiheitsliebend und viel zu sehr humanen, humanistischen Idealen verpflichtet.
Und noch eines ist sicher: Auch unser Staatswesen, unsere Gesellschaft, unsere Wirtschafts- und Lebensformen bedürften in vielen Bereichen der scharfsinnigen Kritik und des Engagements eines Harro Schulze-Boysens !
Vorbild ?
Wir sind hier in einer Schule.
Lassen Sie mich daher zum Abschluss eine Antwort versuchen auf die Frage, was Harro Schulze-Boysen, der als junger Mann sterben musste, heutigen jungen Menschen bedeuten, inwiefern er Vorbild sein könnte.

1. Zeit seines Lebens war er ein wachsamer und kritischer Beobachter der Welt um sich herum; er war wissbegierig und lernfähig.
2. Er war ein Talent auf dem Gebiet der "Kommunikation", was z.B. seine Fremdsprachenkenntnisse und seine umfangreiche Korrespondenz belegen.
3. Er bemühte sich allzeit um eine eigenständige Position und ließ sich nicht vereinnahmen.
4. Er blieb ein Suchender und hielt die damit verbundenen Spannungen aus, auch die, zu einer Minderheit zu gehören.
5. Er zeigte Mut und Zivilcourage, auch in einer Zeit, als dies den Kopf kosten konnte.
6. Er setzte sich für die Freiheit, für Unterdrückte und Verfolgte und gegen den Krieg ein.
7. Er nutzte seine Intelligenz und seine Fähigkeiten nicht hauptsächlich für das eigene Fortkommen. Welche Karriere hätte er damals machen können bei seiner Herkunft, seinen Begabungen.........!
8. Er war konsequent bereit, die Folgen seines Tuns zu tragen. Er wusste und akzeptierte, dass es bei seinen Entscheidungen und Handlungen um Leben und Tod ging.
9. Er war nie der Typ eines verbissenen "Parteisoldaten"; dazu liebte er zu sehr auch die schönen Seiten des Lebens und die Freiheit, das eigene Leben selbst gestalten zu können.
10. Auch für diese Freiheit riskierte er sein Leben.
Daher meine ich: Sein Denkmal hat in einer Schule, in dieser- seiner ehemaligen- Schule den richtigen Platz gefunden.

Duisburg, im April 2001

Hermann Hauffe

P.S.: Statt eines Literaturverzeichnisses: Hier die Namen der Autoren, von deren Schriften ich profitiert habe:

Andresen Geertje, Coppi Hans, Danyel Jürgen, Fest Joachim, Mommsen Hans, Müller Klaus-Jürgen, Reichel Peter, Ritter Gerhard, Rothfels Hans, Rüther Daniela, Steinbach Peter, Tuchel Johannes, Walther Hans, Weiss Peter